MaibaumDer Maibaum-Klau – altes Brauchtum im Wandel der Zeit

Alljährlich entbrennt in vielen Dörfern und Gemeinden ein erbitterter Wettstreit um den schönsten Maienbaum. Doch woher rührt eigentlich die uralte Tradition des Maibaum-Aufstellens? Und was hat es mit dem althergebrachten Brauch des Maibaum-Raubs auf sich?

Tradition rund um den Maibaum – Ursprünge liegen im Dunklen

Schon die alten Wikinger stellten in der Nacht zum 1. Mai einen so genannten „Thorsbaum“ auf. Einen etwa zwei Mann hohen und mit Blumen geschmückten Baum, der Stärke und Wachstum symbolisierte.

Auch die Germanen hielten die Wälder in Ehren und pflegten verschiedene Baumriten, doch danach verlieren sich die Spuren bis zum frühen Mittelalter im Dunklen der Geschichte.

Das Maibaum-Aufstellen wird erst wieder 1224 urkundlich erwähnt. Weil ein Priester in Aachen so sehr Anstoß an diesem Ereignis genommen haben soll, dass er den Maibaum kurzerhand mit der Axt fällte und sogar den Vogt herbeizitierte. Der stellte sich allerdings auf die Seite des Volkes. Seither schwärt angeblich der Konflikt zwischen der im Volksglauben tief verwurzelten Tradition und dem Dogma der Kirche, die das alte heidnische Brauchtum ausmerzte oder es zumindest in christliche Rituale ummünzte.

Maibaum - Symbol der Fruchtbarkeit

Der Maibaum ist sehr wahrscheinlich ein heidnisches Symbol der Stärke, des Wachstums und der Fruchtbarkeit. Der Baum sollte dem Dorf Glück bescheren und Unheil von ihm fernhalten. Daher liegt die Vermutung nahe, dass der Raub des Maibaums den Charakter einer magischen Handlung hatte. Und natürlich gab es zwischen benachbarten Dörfern auch Neid und Zwistigkeiten um angrenzende Äcker, den fruchtbareren Boden, die reichlichere Ernte. Darauf beruhte immerhin das wirtschaftliche Wohlergehen. Mit dem Maienbaum raubte man dem Nachbardorf symbolisch die Stärke. Zum Ritual gehörte auch das Aushandeln eines neuen Bundes. Weil man wusste, dass man den Widrigkeiten nur gemeinsam trotzen konnte.

Maibaum-Klau heute

Früher wurde der Baum in der Walpurgisnacht geschlagen. Heute wird er oft schon lange vor dem großen Ereignis gefällt und muss von da an sorgsam bewacht werden. Aus dem alten Brauchtum hat sich eine Art Volkssport entwickelt und die "gegnerischen" Dörfer lassen keine Gelegenheit aus, den Maibaum bei Nacht und Nebel zu rauben. Das gelingt - trotz bester Bewachung - immer wieder. Oft auf spektakuläre Weise, denn so einen 30 Meter langen Baumstamm kann man nicht einfach unauffällig aus dem Dorf schaffen.

Nach alter Tradition darf der Maibaum nur in der Walpurgisnacht entwendet werden und auch nur dann, wenn er sich bereits innerhalb der Dorfgrenzen befindet. Immer wieder entbrennen erbitterte Streitigkeiten, wenn sich Diebe einen Stamm, der zum Maibaum auserkoren wurde, schon im Wald aneignen. In jüngster Zeit häufen sich die Fälle, in denen über Jahrhunderte hinweg geltende, ungeschriebene Regeln missachtet und Maibäume sogar gewaltsam geraubt wurden. Daher sah man sich genötigt, die Regeln schriftlich festzuhalten:

Nur heimlich und unentdeckt darf der Baum gestohlen werden - je raffinierter die List, umso besser. Frevelhaft ist es, den Baum zu zersägen oder zu beschädigen. Werden die Räuber innerhalb der Gemeindegrenze beim Abtransport überrascht (d.h. es genügt, wenn einer der Bewacher seine Hand auf den Baum legt), müssen sie ihre Beute (kampflos) zurückgeben

Aufgestellte Bäume dürfen nicht mehr gestohlen werden. Nur der Baum und nicht die Tafeln, Kränze, Schaarn usw. sind Diebesgut. Nach Versöhnung und Auslösung ist wieder Friede. Das Brauchtum des Maibaum-Stehlens soll so gehandhabt werden, dass Juristen unnötig sind.“

​Auslösung oder Schandbaum

War der Maibaum-Klau erfolgreich, beginnen zähe Verhandlungen zwischen Räubern und Bestohlenen um die Herausgabe. Das Lösegeld für die Diebe besteht in einem beachtlichen Quantum Bier und einer ausgiebigen Brotzeit. Beides wird anschließend bei einem ausführlichen Festgelage von beiden Dörfern gemeinsam verzehrt.

Natürlich kann es auch vorkommen, dass die Verhandlungen scheitern. Dann stellen die Diebe den geraubten „Schandbaum“ im eigenen Dorf auf. Er wird schwarz gestrichen, mit Hühnerfedern beklebt und oft auch mit einer Tafel geschmückt, auf der Spottverse über das geschändete Dorf geschrieben stehen.