Coronalegenden

Jugendsprache - Gratwanderung zwischen Schlagfertigkeit und Respektlosigkeit

Die rhetorischen Vorlieben von Jugendlichen sprechen meist eine ziemlich deutliche Sprache. Jugendsprache provoziert und verstößt gegen die gerade geltenden Moralvorstellungen, Normen und Tabus. Und zwar mit Begeisterung. Die Wortwahl Jugendlicher ist sehr konkret und bildhaft, durchaus wertend und häufig ganz bewusst respektlos. Ein Beispiel ist das schöne Wort „Covidiot“, das Menschen bezeichnet, die sich nicht an Gesundheitsempfehlungen halten, die den Ernst der Coronakrise ignorieren, die die Gesundheit anderer in Gefahr bringen und die in großen Mengen hamstern. Der Begriff wurde sogar schon von der Generalstaatsanwaltschaft Berlin behandelt, weil Strafanzeigen gegen die SPD-Politikerin Saskia Esken gestellt wurde wegen des Verdachts der Beleidigung.

Esken hatte am 1. August 2020 auf Twitter einen Tweet veröffentlicht, in dem sie das Wort „Covidiot“ mit Bezug auf Teilnehmer einer Corona-Demonstration verwendete. Das Verfahren wurde eingestellt, weil die Bezeichnung „Covidiot“ als Meinungsäußerung in der politischen Auseinandersetnicht strafbar und vom Recht auf Meinungsfreiheit gedeckt sei.

Jugendsprache ist manchmal respektlos, manchmal auch beleidigend und aggressiv. Da sind die Grenzen fließend. Auch den Aspekt sollte man Kindern und Jugendlichen bewusst machen:

Ein Mangel an Respekt ist vielleicht weniger aggressiv ist als eine Beleidigung. Beides kann aber für andere gleichermaßen verletzend sein.

Jugendliche und die Grenzen des Respekts

Erwachsene, die an den Sprachspielen Jugendlicher Anstoß nehmen, sollten sich immer zuerst einmal selbst an die Nase fassen: Wie schaut es mit dem eigenen Vokabular aus? Verwenden Sie so gar keine zweideutigen oder anrüchigen Anspielungen? Machen Sie nie abwertende Scherze auf Kosten anderer? Wie ist es mit Abwertungen und sogar Diffamierungen? Gemeint sind b eispielsweise Bemerkungen, die zu Hause im Gespräch, beim Fernsehen oder bei der Kommunikation im Internet fallen. Bei genauer Betrachtung sind wir nämlich alle keine Heiligen. Das macht uns zu eher zweifelhafte Vorbildern. Deswegen sollten wir hier sehr selbstkritisch sein.

Wortspielereien aus dem Szenejargon irritieren und provozieren. Jugendliche nennen aktuelle Strömungen in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft ungeschönt beim Namen. Sie bringen meist witzig und manchmal eben auch gnadenlos drastisch, aber immer sehr zugespitzt auf den Punkt, was (nicht nur junge) Menschen gerade bewegt. Deswegen sollten wir gut zuhören und die Anregungen aufnehmen.

Es ist das Privileg junger Menschen, über die Stränge zu schlagen. Bleibt zu hoffen, dass Jugendliche nach ihrem Ausflug über die Grenzen des guten Geschmacks hinaus irgendwann wieder in eine gemäßigte Mitte zurückfinden. Wir sollten sie also nicht stigmatisieren und an den Rand drängen, sondern ihnen immer entgegenkommen und eine Chance geben, den Weg zurück zu nehmen.

[Bild: mkorsakov, Aluhut tut selten gut ]